Interview: Ist agiles Arbeiten und agile Führung notwendig, um die neue Generation für Unternehmen zu begeistern?

Marc Thiel - Amazon Strategie

Für eine wissenschaftliche Studie an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften habe ich Arbeitskräften im Interview mit Christina Bockwoldt von der Volkswagen Group IT Services GmbH meine Einschätzung zu den wichtigsten Fragen rund um Agilität und die nächste Generation an gegeben.

Aus deiner bisherigen Erfahrung: Stehen jüngere Kollegen zwischen 20 und 35 Jahren der Agilität generell offener gegenüber?  MT: Grundsätzlich handelt jeder von uns schon allein im Privatleben sehr agil – nehmen wir als Beispiel die spontane Grilleinladung oder das verschobene Fußballturnier. In Bezug auf die Digitalisierung wächst vor allem die jüngere Generation damit auf, dass etwa auf Smartphones regelmäßig Updates gespielt werden und dann plötzlich neue Funktionen zur Verfügung stehen. Allerdings habe ich kürzlich in einem Artikel gelesen, dass mittlerweile auch schon fast 80 % der Generation 50+ in Deutschland ein Smartphone hat. Das zeigt, hier bewegt sich etwas. Und so ist es auch in der heutigen Arbeitswelt: Der klassische Weg, einen Beruf über 40 Jahre in nur einer Firma auszuführen, ist heute kaum noch vorstellbar. Wie lange arbeitest du schon mit agilen Methoden? MT: Im engeren Feld der agilen Methoden bin ich seit etwas mehr als vier Jahren aktiv. Ursprünglich komme ich aus dem klassischen Projektmanagement und habe dann Erfahrungen in Projekten gesammelt, die vor allem mit Scrum gearbeitet haben. So habe ich mir Stück für Stück mehr Wissen angeeignet und in verschiedensten Projekten weiter vertieft. Welche Maßnahmen nutzt du als agiler Projektmanager und Agile Coach, um skeptische Kollegen mitzunehmen? MT: Erst einmal stelle ich das „Warum?“ in den Vordergrund. Denn meistens ist Ablehnung mit Ängsten verbunden: Werde ich morgen noch gebraucht? Ist mein Job dadurch gefährdet? Das führt schnell zu einer Abwehrhaltung. Diese Sorgen und Ängste muss man ernst nehmen, denn gerade bei Agilität geht es immer um den Menschen. Das ist das Spannende und auch das Schwierige. Wichtig ist es, die Leute im nächsten Schritt langsam an die Hand zu nehmen und ihnen durch Beispiele oder kleine Veränderungen zu zeigen, was wir gemeinsam vorhaben. Mit diesen „Quickwins“ können positive Erlebnisse geschaffen werden. Siehst du in Bezug auf das Berufsleben deutliche Unterschiede zwischen den Generationen? MT: Bei der älteren Generation ist die Sorge da, abgehängt zu werden oder etwas schnell zu verlieren. Das ist bei der jüngeren Generation mit der momentan guten Arbeitsmarktsituation anders. Heute ist es doch so, dass jeder, der qualifiziert, flexibel und lernwillig ist, überall Arbeit findet. Oft aber ist die Veränderungsbereitschaft, die eine Person im privaten und beruflichen ansetzt, sehr unterschiedlich. Zum Beispiel habe ich Menschen in Projekten erlebt, die privat erwarten, dass ihr Smartphone immer das neueste Update hat und ein Paket am nächsten Tag zugestellt wird. In ihrer beruflichen Position gehen sie aber davon aus, dass ein Kunde für ein Softwareupdate sein Auto für zwei Tage in die Werkstatt bringt oder der Versand im Online-Shop ruhig eine Woche dauern kann. Dieses Paradox in den Denkmustern aufzuzeigen, das ist meine Aufgabe. Am Ende ist immer ein Mensch auf der anderen Seite, der die gleichen Bedürfnisse und gleichen Vorstellungen hat, das darf man nicht aus dem Blick verlieren. Würdest du sagen, dass Agile Leadership in Organisationen unabdingbar ist? MT: Auf jeden Fall. Agile Transition ist ein ganzheitliches Thema, das betrifft jeden im Unternehmen. Es muss sowohl auf der Angestelltenebene als auch auf der Managementebene umgesetzt werden. Manager haben hier ganz klar eine Vorbildfunktion. Wenn ich als Führungskraft nicht bei mir selbst anfange, dann ist das Vorhaben zum Scheitern verurteilt. Die agile Transformation ist kein Sprint, sondern ein Marathon und sollte von oben gelebt werden – und zwar schnell. Es ist doch heute nicht mehr die Frage „Müssen wir es machen?“, sondern „Wenn wir jetzt nicht anfangen, wie können wir dann noch in den nächsten Jahren bestehen?“. Fälle wie Nokia oder Kodak sind die besten Beispiele, was passiert, wenn man am Kunden vorbei entwickelt. Deshalb sage ich immer: Man muss sich auf den Stuhl des Kunden setzen. Fordert die jüngere Generation agile Führung schon am Arbeitsmarkt ein? MT: Wir erleben in dieser Generation neue Ziel- und Wertvorstellungen an einen Job. Gerade Sinn und Selbstverwirklichung werden immer mehr in den Vordergrund gestellt und Start-Ups zeigen, wie es auch anders gehen kann. Ich denke da gerade an die Stichworte „Digitale Nomaden“ oder „Kicker im Büro“. Unternehmen, die an unattraktiven Standorten sitzen, haben schon jetzt ein großes Problem. Gerade in Baden-Württemberg ist die Konkurrenz um gute Köpfe enorm hoch, genauso sieht es auch in Wolfsburg aus. In der heutigen Generation reicht Geld als Motivation nicht aus und das konservative, hierarchische Unternehmensbild schreckt viele ab. Man möchte selbstständig denken und auch ein Stück weit selbstständig handeln können. Die notwendige Flexibilität und die Kultur des Miteinanders lassen sich aber nur in einem agil aufgestellten Unternehmen etablieren. Doch diese Denkweise in der Kultur zu verankern, das dauert und muss möglichst schnell starten. Wenn bestimmte Industrien, wie die Werkzeug- oder Automobilindustrie in Deutschland, die zu den Stützpfeilern unserer Gesellschaft gehören, nicht wettbewerbsfähig bleiben, dann ist unser Wohlstand enorm gefährdet. Passiert das unbewusst oder verlangen jüngere Fachkräfte bewusst nach mehr Agilität?  MT: Beides. Wir gewöhnen uns immer mehr daran, dass wir in einem schneller werdenden Veränderungsprozess leben. Dinge, die vorher lang gedauert haben, sind plötzlich schnell möglich, das gilt beispielsweise auch für die Partnersuche durch Apps. Hier findet eine unbewusste Kulturveränderung statt. Ich denke, das ist mittlerweile in der neuen Generation tief verankert. Dazu kommt dann natürlich auch noch die gute Wirtschaftslage. Die Möglichkeiten, einen neuen Job zu finden, sind so leicht wie schon lange nicht mehr. Was gehört aktuell zu deinen Tätigkeiten? MT: Zu meinem aktuellen Projekt als Agile Coach gehört es, bei Mitarbeitern ein agiles Verständnis zu entwickeln, die Vorteile aufzuzeigen und ihnen dabei zu helfen, ihre Tätigkeit in diese Richtung bringen. Hier steht das „Warum?“ ganz klar im Vordergrund: Warum machen wir das eigentlich und warum ist diese nebulöse Wolke „Agilität“ jetzt in aller Munde? Und dann geht es natürlich darum, die Anwendung in die Praxis zu bringen.
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