15 Experten, 15 Antworten: Das sind die wichtigsten Punkte bei der digitalen Transformation von Unternehmen​

15 Erfolgsfaktoren zur Digitalisierung

Ob regionaler Mittelständler oder global agierender Konzern: Auch in Deutschland wird immer mehr Unternehmen bewusst, dass sie sich für die Zukunft anders aufstellen müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Unter dem Stichwort “Digitale Transformation” gibt es eine Reihe von Meinungen, Ratgebern und Beiträgen – aber worauf kommt es wirklich an? 

Genau diese Frage haben wir den führenden deutschen Experten gestellt, die sich täglich mit den Herausforderungen der digitalen Transformation beschäftigen – und aus ihrer Erfahrung die drei wichtigsten Punkte für Unternehmen zusammengefasst.

"Agile Transformation beginnt beim Management"

Marc Thiel, marcthiel.de

In meinen Projekten als Agile Projektmanager und Agile Coach hat sich gezeigt, dass für das Gelingen oder Scheitern einer digitalen Transformation viele Faktoren mitverantwortlich sind. Die folgenden Ansätze haben dabei aus meiner Sicht die größte Hebelwirkung für den Erfolg von Transformationsprojekten.
 
Die drei wichtigsten Erfolgsfaktoren:
  1. Bedenken und Ängste der Mitarbeiter vor den Veränderungen sollten ernst genommen werden. Deshalb ist es wichtig, schon im Vorfeld echte Angebote für die Betroffenen zu schaffen.
  2. In vielen Unternehmen wird das Bottom-up Prinzip genutzt, das in Change-Prozessen aber nur wenig Aussicht auf Erfolg verspricht. Agile Transformation kann nur Top-down erfolgen und beginnt damit beim Management.
  3.  Die digitale Transformation rückt den Menschen in den Mittelpunkt – dabei begünstigt oder behindert die Unternehmenskultur den Wandel maßgeblich. Agile Werte wie Transparenz und Mut sind deshalb für den Erfolg entscheidend. Es braucht aber Zeit und Geduld, um sie zu etablieren.

"Haltung, innere Einstellung, Mindset!"

Stefan Bald, kraus-und-partner.de

Agile Transitionen sind wirklich spannend. Worauf kommt es dabei am meisten an? Haltung, innere Einstellung, Mindset! So wie die Manager ihre Welt konstruieren, so wie sie über ihre Organisationen denken, so werden sie sie gestalten.

Expertentipp: Die größte Gefahr einer agilen Transition: kranke Egos, Narzissmus, Drang zur Selbstoptimierung („me first“)!

"Will das Management etwas, dann wird es passieren!"

Dominic Lindner, agile-unternehmen.de

Unternehmen sind immer noch meist hierarchisch auf Steuerbarkeit und Kontrolle aufgebaut. Entscheidungen sind mit dem Eigentümer oder dem Top-Management abzustimmen. Der wichtigste Punkt ist deswegen der Support des Managements. Meine Erfahrung: Wie bei jedem Projekt im Unternehmen ist es so: Will das Management etwas, dann wird es passieren!

Ich erlebe oft, dass es im Unternehmen einen Mitarbeiter (z.B. Agile Coach) gibt, der Agilität ohne jegliche „Macht“ einführen soll. Er berichtet regelmäßig an das Management und beschwert sich in der Regel über zu wenig bis kaum Rückhalt. Ich halte deswegen gerade den Rückhalt und auch die Mitarbeit des Managements für die allerwichtigste Voraussetzung von Agilität im Unternehmen.

Damit komme ich auch zum zweiten Punkt: Ich rate allen Umsetzern von Agilität: Geben Sie nicht auf und bleiben Sie dran! Es gilt deswegen für Sie nun das Management zu überzeugen. Die zweite Voraussetzung ist ein guter Umsetzer von Agilität, der das Management bei der Stange halten kann und selbst nicht aufgibt. 

Alle anderen Punkte sind untergeordnet. Will das Management Agilität und der Umsetzer macht einen guten Job, werden auch Mindset, Rahmenbedingungen und vieles im Kontext von Agilität verändert.

 

"Agilität ist eine Haltung"

Sonja Borowski, LNE GmbH, lne-erfolg.com

 

Die LNE versteht unter Agilität eine Haltung, um den organisationalen Wandel aus eigener Kraft zu bewältigen. Dabei unterstützen sicher auch sogenannte agile Methoden, um Perspektivwechsel und Lernen im Sinne einer lernenden Organisation zu befördern.

Die drei wichtigsten Punkte:

  1. Die Unternehmensleitung muss sich bewusst machen, was sie unter Agilität genau versteht. Und damit die Frage nach dem „Warum“ und „Wozu“ nach dem qualitativen Zielbild beantworten.
  2. Die Wertebasis erarbeiten bzw. neu schärfen mit erlebbaren Verhaltensprinzipien, die Innovation und Wachstum erst organisational befördern.
  3. Den Wandel selbst antizipieren, also die Fähigkeiten entwickeln, einen eigenen Transformationsprozess zu kreieren und zu gestalten, der echte Partizipation ermöglicht.

"Es braucht eine glaubwürdige Vision."

Andrea Heck, agileandrea.com

Die drei wichtigsten Punkte:

  1. Start with why! Die Firma, namentlich das TOP-Management, muss sich ganz klar sein, warum bzw. wozu es eine agile Transition braucht.
  2. Es braucht eine glaubwürdige Vision, die am besten vom CEO ständig kommuniziert wird. Oliver Gürtler von Microsoft hat das vor kurzem in einem Vortrag in Bezug auf deren CEO Satya Nadella mit „Konstante Überkommunikation“ bezeichnet. Wenn man es selbst gar nicht mehr hören kann, und glaubt, dass jeder Mitarbeiter die Vision im Schlaf kennt, dann kann man sie immer nochmal wiederholen.
  3. Der Kulturwandel wird von den Mitarbeitern im Rahmen von großzügigen Leitplanken und viel Vertrauen von oben selbst mitgestaltet. Das bedeutet nicht, dass man sich in einer bis dato hierarchisch verschlossenen Organisation einfach hinstellt und sagt „Macht mal!“. Die Leitplanken müssen auch umfassen, was man jetzt darf, was man vorher nicht durfte, und wo man sich das Know-how erstmal holen kann. Experimente und Fehler sind in Ordnung. Das Top-Management muss dabei helfen, Systemveränderung zu machen.

"Transparent machen"

Vikram Kapoor, scrum.de

Die drei wichtigsten Punkte:

  1. Buy-In und Commitment des Managements / C-Levels
  2. Die Vision / das Ziel der agilen Transformation auf allen Ebenen transparent machen
  3. Das „Warum“ hinter der Entscheidung, agil zu werden, klären und transparent machen

Expertentipp: Weitere Punkte sind Schulungen der Teams, Iteratives Vorgehen und Nutzung und Reflexion von KPIs.

"Empathie, Vertrauen und Geduld"

Marcus Raitner, fuehrung-erfahren.de

Die drei wichtigsten Punkte:

  1. Empathie: Führung beginnt mit Selbstführung und der eigenen Selbstwahrnehmung: Nur wer sich selbst führen kann, kann andere führen.
  2. Vertrauen: Bei der digitalen Transformation geht es auch darum, Fehlversuche auszuhalten und gemeinsam zu lernen. Und das erfordert Vertrauen – in die Motivation und Fähigkeiten der Menschen.
  3. Geduld: Es gibt keine Abkürzungen, Patentrezepte und Blaupausen. Der Schlüssel zu einer erfolgreichen Transformation ist es, den Druck, kurzfristige Erfolge zu liefern, auszuhalten und den Menschen empathisch und vertrauensvoll Raum und Zeit zu geben.

Expertentipp: Agile Projekte führen nicht zu agilen Organisationen – viel mehr gibt es eine Reihe von Irrwegen, auf die Unternehmen in der Transformation nicht “abbiegen” sollten. (https://fuehrung-erfahren.de/2019/03/irrwege-der-agilen-transformation/)

"Eine wirkungsvolle Strategie formulieren"

HansJörg Schumacher, roloffundschumacher.de

Die drei wichtigsten Punkte:

  1. Ein klarer, zwingender Sinn und Zweck
  2. Ein echter Nutzen, der den Unterschied zu den Wettbewerbern macht
  3. Eine klare Fokussierung, die vor dem “Verzetteln” schützt

"Kommunikation, Unternehmenskultur, Vermittlung"

Wolfgang Gotscharek, gotscharek-company.com

Die drei wichtigsten Punkte:

  1. Die klar kommunizierte Bereitschaft des Top-Managements, diesen Weg beschreiten zu wollen und ihn nachhaltig zu unterstützen.
  2. Eine vom Management und Führungskräften auf allen Ebenen getragene und gelebte Entwicklung einer offenen Unternehmenskultur, die organisationelles Lernen aus Fehlern unterstützt und die Leadership als neue Führungsphilosophie begreift.
  3. Die Vermittlung von Kenntnissen zu agilen Vorgehensweisen, Hintergründen, Haltungen, Denk- und Handlungsmustern für alle Führungskräfte und Mitarbeiter

"Methoden sind nebensächlich"

Paul Stanzenberger, teamazing.de

Die drei wichtigsten Punkte: 

  1. Der wichtigste und erste Punkt ist, dass man das gesamte Team (also jeden einzelnen Mitarbeiter) mitwirken lässt — bei den Mitarbeitern muss das Gefühl entstehen, dass sie aktiv am Wandel teilnehmen und nicht passiv „verändert werden“. Dazu muss die Problemstellung allen Mitarbeitern klar sein und eine intrinsische Motivation entstehen, die Arbeitskultur zu verändern. Ob und wieviel die Mitarbeiter mitwirken, ist nebensächlich — das Gefühl „Ich hätte mitwirken können“ reicht dabei vollkommen aus.
  2. Im zweiten Schritt muss Agilität für jedes Unternehmen eigens interpretiert werden. So arbeiten Softwareunternehmen sicherlich komplett anders als Beratungsunternehmen. Auch wenn beide mit dem agilen Mindset arbeiten.
  3. Methoden, Praktiken, Tools und sonstige Trend-Werkzeuge sind nebensächlich. „Gamechanger“ im agilen Arbeiten ist das Mindset. Die Mitarbeiter müssen ihr Denkverhalten ändern. Agil zu denken, bedeutet zum Beispiel, dass regelmäßige Veränderung wichtiger ist als das Befolgen eines Plans (Stichwort: Agiles Manifest). Nur durch ein SCRUM-Board im Mitarbeiterraum arbeitet noch niemand agil.

"Die organisatorischen Rahmenbedingungen sind das Wichtigste."

Lothar Grünz, pentasys.de

Expertentipp: Meiner Meinung nach lassen sich die technischen Themen am ehesten beherrschen und stellen somit keine allzu große Hürde dar. Wichtiger sind aus meiner Sicht die organisatorischen Rahmenbedingungen, die es den Teams ermöglichen, wirklich agil zu arbeiten. Auch wenn es nicht explizit als einer der sechs Punkte in dem Beitrag auftaucht, ist das agile Mindset das Wichtigste, das sich in allen sechs Punkten widerspiegelt. Hier tun sich viele Unternehmen am schwersten und daher sollte meiner Meinung nach darauf ein besonderes Augenmerk gerichtet werden.

"Auf Veränderungen reagieren"

Christian Müller, proagile.de

Expertentipp: Eine Agile Transformation ist eine komplexe, nicht-lineare Veränderung. Das bedeutet, dass immer wieder unerwartete Veränderungen auftreten können, auf die adaptiv reagiert werden muss. Daher sind starre Pläne mit fixen Meilensteinen ungeeignet für eine Agile Transformation.

"Der Grund für die Transition ist das Wichtigste."

Timon Fiddike, agile.coach

Die drei wichtigsten Punkte: 

  1. Ein wichtiger und dringender Grund für die Transition, der allen Beteiligten bewusst ist
  2. Unterstützung des höheren Managements
  3. Eine geeignete Kultur (oder großer Veränderungswunsch) sowie geeignete Unterstützung durch Coaching

"Fokussierung, Beteiligung, agile Vorgehensweise"

Barbara Grau, agiler-arbeiten.de

1. Fokussierung (Transparenz, Sinn, Ziel): Grundvoraussetzung für einen Erfolg sind in der Organisation / von den Menschen gemeinsam geteilte Ziele und Werte. Dies bündelt Aufmerksamkeit und Kraft für eine erfolgreiche Veränderung.
2. Beteiligung (Partizipation): Einbezogen sein und als Experte auf Augenhöhe wahrgenommen werden, schafft positive Energien, hebt vorhandenes Wissen und stärkt Transparenz und Sinn. Dies ist gleichzeitig die Voraussetzung für eine lernende Organisation.
3. Agile Vorgehensweise (Kollaboration vorleben und einüben): Etappenweises, für Mensch und Organisation machbares Vorgehen mit regelmäßiger Reflexion und Korrekturen (Retrospektiven). Dabei: Feste feiern!

Expertentipp: Mut nach Mehr mit größeren Freiheitsgraden bei steigendem (Selbst)-Vertrauen und wachsender (Selbst)-Verantwortung. Dies bedeutet bei den Führungskräften: Loslassen! (Steuern, unterstützen und vertrauen, statt vorgeben und anweisen).

"Auf die Führungsaufgabe konzentrieren"

Ralf Drittner, agiler-arbeiten.de

Expertentipp: Da die ersten kleinen Schritte oft entscheidend sind, hier noch ein Tipp für Führungskräfte bzw. OE im operativen Geschäft. Unternehmer stellen uns oft die Frage „Wie erreichen wir, dass Mitarbeiter von sich aus mitdenken, ihr Können entfalten, Ideen entwickeln und zielgerichtet zusammenarbeiten!?“ Die Antwort ist eigentlich originäre Führungsaufgabe:

  • Moderieren statt delegieren
  • Raum für Motivation und Eigen-Initiative (zurück-) geben
  • Partizipation und Selbstverantwortung

Fazit und Zusammenfassung

Die Antworten machen deutlich: Es gibt nicht die eine richtige Blaupause für die digitale Transformation. Jedes Unternehmen ist unterschiedlich – und jedes Unternehmen muss den eigenen Weg in die Zukunft finden. Umso besser zu wissen, dass es auch in Deutschland eine Reihe von hochkarätigen Experten zur Begleitung dieses aufregenden Prozesses gibt! Was ist aus ihrer Sicht der wichtigste Punkt bei der digitalen Transformation von Unternehmen?
Das Wichtigste in Kürze

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